Den Bauchtanz erblühen lassen und davon leben: der beispiellose Werdegang von Hestia
Danke an Hestia, Bauchtanz-Profi, für die passionierte und authentische Beantwortung unserer Interview-Fragen.
Können Sie uns von Ihrer zuletzt kreierten orientalischen Tanz-Show namens "L’odyssée orientale" erzählen? Was waren ihr Ziel und der Inhalt?

Alle 4 bis 5 Jahre findet in Rouen (Frankreich) ein außergewöhnliches Ereignis statt. Es handelt sich um die Armada (Zusammenkunft berühmter Schiffe aus allen 4 Ecken der Welt). Dieses internationale, sehr bekannte Ereignis zieht 10 Tage lang hunderttausende Besucher an und ist der ganze Stolz der Stadt. Seit dem Sommer 2022 liebäugelte ich mit dem Thema. Ich träumte davon, mit den Tänzerinnen meiner choreografischen Workshops teilnehmen zu können und dort eine Show zu präsentieren, die den Bauchtanz mit allem nur erdenklichen Zauber rund um den Ozean verbindet.
Aus diesem Blickwinkel habe ich zu Beginn der Saison damit angefangen, ein erstes Werk zu diesem Thema zu entwickeln. Anfang 2023 hatten wir das Glück, für die Animationen während der Armada ausgewählt zu werden. Meine Show "L'odyssée orientale" war die logische Konsequenz daraus und ich beschloss, das Projekt Armada mit meiner Silvester-Gala zu kombinieren.
Ab diesem Zeitpunkt habe ich mit der Unterstützung von Schülerinnen aus den Workshops ein Show-Thema kreiert, das Orient und Ozean verbindet. Dabei haben wir uns an der Legende des Seefahrers Sindbad orientiert, die in den Märchen von 1001 Nacht spielt.
Wir haben uns vorgestellt, dass unser Matrose einen wundervollen Schatz wiederfinden müsste, der in den Tiefen des Meeres versunken ist. Die Choreografien der Show stellten also seine Abenteuer sowie die zu überwindenden Hindernisse dar, denen er auf dem Weg zu seinem Ziel begegnete. In Abhängigkeit der Etappen dieser Rundreise habe ich Stilrichtungen und choreografische Themen abgeleitet, die mir sinnvoll erschienen.
Als Sindbad von seinen Liebsten Abschied nehmen musste, um in See zu stechen, habe ich klassische Lieder zum Thema Liebe und Sehnsucht verwendet. Als er gegen Wind und Flut ankämpfen musste, habe ich eine Schleier-Choreografie und rhythmische Musik eingesetzt. Um seine Begegnung mit fantastischen Meeres-Kreaturen darzustellen, eigneten sich Isis-Flügel perfekt. Für die Wächter des Schatzes habe ich Saïdi mit Stock, Meerjungfrauen und Fächer genutzt. Zum Schluss der Aufführung haben wir auch die von Sindbad gefundene Schatztruhe inszeniert.
Diese Show war einer meiner größten Erfolge hinsichtlich der choreografischen Arbeit. Insgesamt waren es 60 Bauchtänzerinnen (12 Gruppen aus Kindern, Teenagern und Erwachsenen) die bei ihrem Bühnenauftritt 16 Choerografien umgesetzt haben. Es war magisch!
Wie wählen Sie ein Show-Thema aus? Wie gelingt es Ihnen, durch orientalischen Tanz eine Geschichte zu erzählen? Welche Meilensteine sind wichtig, um einer Show Sinnhaftigkeit und einen roten Faden, zu verleihen – jedoch derart, dass die Magie ebenso auf die teilnehmenden Tänzerinnen wirkt, wie auf die Zuschauer?

Ich versuche, meine Show-Themen auf 2 verschiedene Arten zu wählen. Dies variiert von Jahr zu Jahr – je nach Laune, aber auch nach meinem verfügbaren Zeitfenster.
- Entweder gehe ich von meinen Choreografien aus, die ich im Laufe des Jahres kreiert habe und verbinde diese miteinander – gemäß meiner Inspiration durch ein simples oder komplexes Thema, jedoch immer im Zusammenhang mit dem Orient. Bei meiner Show "Der Palast der Wunder" im Jahr 2019 beispielsweise, repräsentierte jede Gruppe eines der Wunder.
Die Schülerinnen haben eine wichtige Rolle für das Gelingen dieser Show gespielt und waren in das Projekt involviert. Zunächst sollten sie in Erfahrung bringen, welche Inspirationen sie in ihrer Choreografie in Verbindung mit der Musik und dem Outfit fanden. So kamen Phönixe, Elfen, Drachen, magische Gegenstände, Meerjungfrauen zusammen… Anschließend habe ich ihnen vorgeschlagen, Transitionstexte zu verfassen (Texte, welche die Choreografie durch das jeweils gewählte Wunder darstellten). Um der Show eine gute Dynamik zu verleihen und den Spannungsbogen beim Publikum aufrecht zu erhalten, habe ich die Schülerinnen zudem gebeten, diese Transitionen mit ihrer eigenen Stimme oder der einer nahestehenden Person aufzunehmen. Um ehrlich zu sein, haben wir dabei viel gelacht. Schlussendlich waren es auch die Mädels, die diese transitionellen Sequenzen in Szene gesetzt haben. Eine von ihnen hat eine magische Derbouka gespielt, eine Andere gab den Prototypen des kauzigen Kochs… Wieder andere haben mir geholfen, repräsentative Gegenstände wie die magische Gitarre, fliegende Teppiche mit Propeller zu finden… Eine wahrhaft abenteuerliche Show! Ich strebte die Mitwirkung an, indem ich Wahlmöglichkeiten und Möglichkeiten schuf, indem wir auf Kreativität sowie Fantasie setzten… und alle haben gut mitgezogen.
- Oder, und das ist komplexer für mich, ich gehe von einer sehr konkreten Geschichte aus, von der ich, für den Fahrplan der Show, wesentliche Choreografien ableite. Dies macht es erforderlich, bereits zu Beginn der Saison über die Choreografien nachzudenken – was alles andere als logisch ist, wenn die Gruppen noch nicht zusammengestellt sind.
Das war vor allem bei der Show dieses Jahres der Fall, aber auch bei der in 2022 geschaffenen, namens "Im Herzen Kairos". In Letzterer haben wir eine Einwohnerin Kairos bei der Entdeckung ihrer Stadt begleitet.
Ich hatte die Show in 4 große Teile gegliedert:
- "Die Ankunft in Kairo": Ich benötigte daher repräsentative ägyptische Musik mit großen Klassikern, eine Routine.
- "Der Souk": rhythmische, farbenfrohe Choreografien mit Pop und Saïdi.
- "Der Palast" mit sanfteren Passagen oder solchen, die mit Göttern und Göttinnen verbunden waren: Schleier, Isis-Flügel.
- "Das beliebte Viertel" mit Baladi und Shaabi.
Auf dieselbe Weise habe ich einige Schülerinnen gebeten, Transitionen zu verfassen, die wir anschließend neu interpretierten. Ich hatte sie ebenfalls gebeten, Musikstücke zu finden, mit denen wir die Stimme unserer Hauptrolle aufnehmen würden.
In allen Fällen erschien es mir unverzichtbar, einen einfachen und anziehenden roten Faden mit interessanten sowie unterschiedlichen Transitionen zu haben, aber – sofern möglich – auch einen/mehrere Handelnde und sogar eines oder mehrere Bühnenbilder, um einer Show eine kohärente Geschichte zu verleihen. Mit all dem versehen, kann eine einfache, "nur" aus Bauchtanz bestehende Show bis zum Ende fesselnd bleiben. Wir sollten bedenken, dass der Großteil des Publikums nicht unbedingt kommt, um den orientalischen Tanz kennenzulernen, sondern um eine nahestehende Person tanzen zu sehen. Man muss daher versuchen, es mit kleinen, unerwarteten und überraschenden Dingen mit in unser Universum zu nehmen.
Auf welchem Weg finden Sie Musik für Ihre orientalischen Tanz-Choreografien und wie treffen Sie Ihre Auswahl?

Das funktioniert bei mir vor allem durch Liebe auf den ersten Blick. Ich suche und höre Musik auf YouTube, auf Apps, im Radio... Manchmal stoße ich auf die Videos von Bauchtänzerinnen, die fesselnde Musik verwenden. Ich wähle sie aus und bewahre sie sorgsam in einem Verzeichnis auf, um sie später verwenden zu können.
Von Jahr zu Jahr versuche ich, die von meinen verschiedenen Gruppen aufgeführten Stile zu variieren. Beispielsweise würde eine Gruppe nicht in 2 aufeinander folgenden Jahren auf eine Percussion tanzen. Dies gestattet es, das Interesse der Schülerinnen aufrecht zu erhalten und ihnen zu zeigen, wie reich und variantenreich der Bauchtanz ist. Wenn ich gelegentlich sehr spezifische Musik suche und nichts in meiner Kartei finde, kommt es vor, dass ich Nachrichten in speziellen Facebook-Gruppen poste, um Ratschläge und neue Ideen zu erhalten.
Was sind, aus Ihrer Sicht, die 3 unverzichtbaren Eigenschaften für jede orientalische Tänzerin?

- Die Leidenschaft. Aus ihr resultiert vieles auf ganz natürliche Weise: der Forscherdrang, die anhaltende Neugier, die Arbeit, das Bestreben, zu entdecken, sich zu perfektionieren und sein Repertoire zu erweitern… Es ist wichtig, nichts als gegeben zu nehmen und sich den Willen zur Weiterentwicklung stets zu bewahren.
- Das Wissen. Ich glaube, dass es essenziell ist, sich über die Ursprünge und die Geschichte des Bauchtanzes zu informieren, die unterschiedlichen Stile und deren Merkmale benennen zu können. Es ist auch unverzichtbar, die grundlegenden Rhythmen der ägyptischen Musik wiederzuerkennen. Auf diese Weise kann eine orientalische Tänzerin im Einklang mit der Melodie tanzen.
- Der Ausdruck. Aus meiner Sicht muss eine gute Bauchtänzerin dem Publikum alles vermitteln können, was sie im Moment ihrer Darbietung bewegt. Mithilfe ihrer Mimik, ihrer Gesten und ihrer Haltung ein Gefühl, eine Emotion oder Worte übersetzen… Geben und teilen zu können, alles auszudrücken, was sie berührt, ist einer der Schlüssel.
Wie war Ihr Werdegang als professionnelle orientalische Tänzerin? Wie sind Sie dorthin gekommen, wo Sie heute stehen?

Ich habe im Alter von 5 Jahren mit dem Bauchtanz begonnen. Ich habe mit klassischem Tanz angefangen; dann folgte bis 17 Jahre Modern Dance. Erst mit 19 Jahren bin ich in Rouen durch Mina Zourhmari dem orientalischen Tanz begegnet. Seitdem hat diese Passion mich nie mehr losgelassen.
Nachdem ich 4 Jahre lang Unterricht genommen hatte, habe ich mit Bauchtanz-Shows in Restaurants und später bei privaten Events angefangen. Damals beendete ich gerade meinen Master in Marketing. Am Ende meines Studiums bot man mir an, wieder Unterricht im orientalischen Tanz in einem Verein bei Rouen zu geben. So habe ich beim Unterrichten einen Fuß in die Tür bekommen. Zu dieser Zeit habe ich mich nicht sonderlich wohlgefühlt. Ich sprach nicht gerne vor Publikum und war zu anspruchsvoll. Ich erinnere mich an eine Choreografie für eine Anfängergruppe mit sehr schnellem Tempo und viel zu komplexen Bewegungen. Trotzdem waren meine 3 Kurse ausgebucht und die Schülerinnen begeistert von dem, was ich Ihnen beibrachte. Während dieser Zeit habe ich bei mir eine echte Anziehung für die Kreation von Gruppen-Choreografien festgestellt. Parallel dazu habe ich mich durch die Teilnahme an zahlreichen Bauchtanz-Workshops in Frankreich und im Ausland weitergebildet.
Dann hat mich die Reiselust gepackt. Mehr oder weniger zufällig habe ich den Beruf der choreografischen Animateurin entdeckt. Nach einer 6-monatigen Ausbildung in der Bretagne bin ich in die Türkei gereist, um in Ferienclubs zu arbeiten. Diese Erfahrung war eine echte Offenbarung für mich. Ich bin außergewöhnlichen Menschen begegnet, die es mir gestattet haben, mich zu öffnen. Ich habe ebenfalls viel über die Art des Unterrichtens und des Lehrens gelernt. Als ich nach Frankreich zurückgekehrt bin, war ich verwandelt, aufgeblüht und voller Träume… Und da mich die Passion für den orientalischen Tanz nie verlassen hat, verspürte ich Lust, wieder zu unterrichten.
Ich habe also Verbände gesammelt, Einrichtungen angeworben, meinen eigenen Verein gegründet… eine Aufgabe, die einen langen Atem erforderte! Ich habe auch kommunikative Werkzeuge genutzt, die ich mir außerhalb des Studiums angeeignet hatte, um zu versuchen, mich abzuheben. Schlussendlich habe ich mich auf autodidaktischem Weg weitergebildet, um fehlende Kompetenzen zu ergänzen (Rhythmik, Musik, Sagatten...) um ein möglichst ganzheitliches Gesamtpaket zu erhalten.
Stück für Stück baute ich mir mein Nest. Es dauerte Jahre, bis die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte.
Sie geben 17 wöchentliche Bauchtanz-Kurse an 6 unterschiedlichen Orten. Gestattet diese intensive Beanspruchung es Ihnen, den orientalischen Tanz zu leben?

In der Tat dreht sich mein Leben heute rund um den Bauchtanz. Aber um ehrlich zu sein, haben manche Monate eher etwas von "Überleben". In den Schulferien habe ich etwa keinerlei Einkommen. Und seit einigen Jahren, machen sich Aufführungen zunehmend seltener. Sie stehen also nicht mehr zur Verfügung, um knappe Monatsenden zu überbrücken.
Ich bin zudem eine sehr engagierte (Leidenschaft verpflichtet!) und perfektionistische Person in meinem Tun. Das erfordert viele Stunden Arbeit – weit mehr Stunden, als tatsächlich bezahlt werden. Außerdem, ganz ohne die erforderlichen Stunden freiwilliger Anwesenheit zu zählen – um Kurse zu bewerben oder Shows zu organisieren (Vereinsforen, Versammlungen, Suche nach Technikern, Entwurf von Plakaten, Kauf von Bauchtanz-Outfits zu erschwinglichen Preisen, Teilnahme an Charity-Aktionen, Generalproben...).
Trotz alldem bin ich außerordentlich glücklich darüber, dass ich den Bauchtanz zu meinem Beruf machen konnte und würde das um nichts in der Welt ändern wollen. Ich finde Freude daran, morgens aufzustehen und meinen Unterricht und meine Choreografien vorzubereiten, Musik zu suchen, Aufführungen zu organisieren... Und jeden Abend freue ich mich, meine Schülerinnen wiederzusehen. Ich mag es, sie von Jahr zu Jahr Fortschritte machen, sie arbeiten, durchhalten und Erfolg haben zu sehen. Ich liebe es auch, ihre funkelnden Augen bei Galas zu sehen.
Dennoch muss man die Leute daran erinnern und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es sich um eine Arbeit und nicht eine einfache Freizeitbeschäftigung handelt. Da Tanzen ein Hobby ist, wird das schnell über einen Kamm geschoren.
Wie sehen Sie die Zukunft dieses Berufs? Haben Sie Pläne und Projekte?

E hrlich gesagt habe ich nach jeden Sommerferien Angst. Ich frage mich, ob meine Bauchtanzkurse erfolgreich sein werden oder ob manche mangels Teilnehmerinnen abgesagt werden müssen. Bisher habe ich aufgrund einer geringen Klassenstärke glücklicherweise noch nie eine Einrichtung verloren. Es ist jedoch schon vorgekommen, dass ich einen Bauchtanzkurs für Kinder opfern musste (vor allem infolge von Corona) oder letztes Jahr einen Anfängerkurs. Dies wurde jedoch immer durch ein neues Programm an anderer Stelle kompensiert.
Indes bin ich mir voll und ganz über die Prekarität dieses Berufs bewusst. Der orientalische Tanz ist eine kleine Nische, weit davon entfernt, viele Mitglieder um sich zu scharen. Meine Familie drängt mich ständig dazu, mich zu diversifizieren, mich in einem anderen Tanz oder einer sportlichen Aktivität weiterzubilden. Ich gestehe, dass ich nicht sonderlich motiviert bin, solange mein Bauchtanz-Unterricht funktioniert – auch wenn es sicher vorausschauender wäre.
Meine Projekte betreffend, hatte ich immer Lust, ein kleines orientalisches Tanz-Festival in Rouen zu organisieren. Die Idee wäre, eine außerhalb der Region stammende Bauchtanz-Lehrerin einzuladen, thematische Workshops und eine Show zu organisieren, die alle Tänzerinnen vereint, die ich bewundere… Bisher war das finanzielle Risiko jedoch immer ein Hindernis. Letztlich… wer weiß, ob ich den Schritt eines Tages wagen werde – unterstützt von einem starken Team motivierter Freiwilliger…
Entdecken Sie alle choreografischen Talente von Hestia mit diesem Video, einem Auszug der Show "L’odyssée orientale":

























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