Mein Leben als Bauchtänzerin während der Pandemie
Danke an Maïssane NARJIS, orientalische Tänzerin und Lehrerin für Bauchtanz, welche ihr Seelenleben, ihre Kämpfe und Lebensrealität als Künstlerin während dieser einzigartigen Zeit aufrichtig mit uns teilt.
Wie haben Sie als Bauchtanz-Künstlerin diesen gesundheitspolitischen Ausnahmezustand von Ihrem persönlichen und professionellen Standpunkt aus erlebt?
Zunächst einmal danke an Ihren Shop für orientalischen Tanz, dass Sie Künstlerinnen die Gelegenheit dazu geben, sich frei zu diesem Thema zu äußern. Diese werde ich durch aufrichtige Antworten nutzen. Meine Rede bezieht sich selbstverständlich nur auf mich selbst und es steht meinen Kolleginnen aus der Welt des Bauchtanzes und der Veranstaltungen frei, sich mit meinem Erleben zu identifizieren oder auch nicht.
Die 2 Jahre des Coronas waren für mich persönlich eine harte Bewährungsprobe. Es braucht Leidenschaft und Mut zum Durchhalten in einer Zeit, zu der in unserer Branche überhaupt nichts mehr möglich und diese schwer von der Pandemie sowie zahlreichen mit ihr einhergehenden organisatorischen Einschränkungen betroffen war. Wir mussten uns konstant anpassen; auch, als die Restriktionen sich im wöchentlichen Rhythmus änderten und beim besten Willen keinerlei Sinn oder Ziel mehr erkennbar waren. Es war manchmal zum Verrücktwerden!
Ich werde nicht erneut auf die Auswirkungen der Pandemie zurückkommen, da die Schließung von Einrichtungen und die Umschulung vieler Künstlerinnen ihre eigene Sprache sprechen.
Was mich am meisten betroffen hat, war die menschliche Seite, sowie die allgemeine Gleichgültigkeit, mit der wir behandelt wurden. Seit dem Beginn dieser Pandemie waren Künstler – ebenso wie so viele andere Berufe, welche ich nicht übergehen will – die großen Verlierer der Gesellschaft.
Die anfänglich enthusiastische Solidarität der Pandemie stumpfe im Laufe der Zeit ab, je mehr die Situation sich verschärfte, um dem Individualismus und der sozialen Spaltung Platz zu machen.
Wir wurden mit Missachtung und Härte als nicht essenzieller Beruf bezeichnet. Wie aber sollten wir ohne Künste behaupten können, in einer zivilisierten Gesellschaft zu leben? Wir führen künstlerische Arbeit von nationaler Tragweite aus, gewährleisten eine kulturelle Bildung, welche den Geist nachhaltig prägt, schaffen soziale Bindungen, arbeiten für karitative und gemeinschaftliche Einrichtungen, wir verbreiten Liebe, wo sie gebraucht wird, wir versöhnen Völker miteinander, beugen körperlichen und psychischen Erkrankungen vor, stoßen neue Ziele an und schaffen die Talente von morgen… ganz zu schweigen, von den Arbeitsplätzen, welche die Wirtschaft eines Landes in Schwung bringen.
Zusammenfassend war diese Zeit für mich eine wahre Achterbahnfahrt. Aber es gab auch sehr viel Positives, darunter den harten Kern meiner Schülerinnen, welche mir unerschütterliche Wertschätzung und Vertrauen entgegengebracht haben, sowie die Gemeinschaft an Tänzerinnen, in deren Mitte ich mich wieder wohlfühlen konnte und echte Unterstützung erfahren habe (sie werden wissen, dass sie gemeint sind). Im Zuge dieser 2 Jahre habe ich zahlreiche Kompetenzen entwickelt, vor allem Resilienz und Geduld.
Ich bin zudem auch mit einer Sache zufrieden: Nie den Respekt für und die Liebe zur Kunst des orientalischen Tanzes verloren zu haben, ihn trotz der Schwierigkeiten nicht aufgegeben zu haben, immer mit mir selbst im Reinen, guten Gewissens und verantwortungsbewusst gehandelt zu haben.
Ich gehe mit mehr Vertrauen aus dieser schwierigen Zeit hervor. Ich kenne nun meine Widerstandsfähigkeit gegen die Widrigkeiten des Lebens und habe noch vieles zu geben. Daher sehe ich mit optimistischem Blick auf die Zukunft, da uns eine wundervolle Zeit erwartet. Im Herzen bin ich eine Idealistin und glaube an die Gerechtigkeit im Leben. Diejenigen, die bis hierher durchgehalten und Positives weiterverbreitet haben, werden mit einem Aha-Erlebnis belohnt werden!
Wie begreifen Sie nach 2 gecancelten Editionen die Wiederaufnahme Ihres orientalischen Tanz-Festivals «Der Orient in all seinen Formen»? Welches wird der Schlüsselbegriff dieser außergewöhnlichen Edition werden und warum?
Ein Festival zwei Jahre in Folge zu verschieben, ist für einen Veranstalter kein Pappenstiel. Ich denke, dass der Großteil der Leute sich nicht wirklich über das Ausmaß der Konsequenzen im Klaren und der Meinung ist, dass sich lediglich das Datum ändert. Vor allem bedeutet die Vertagung eines Events im Voraus geleistete Zahlungen, welche definitiv verloren sind.
In meinem Fall hatte ich die Wahl und habe mich für diese Möglichkeit entschieden, Teilnehmern auf Wunsch ab dem Beginn des Lockdowns 2020 ihr Geld zurückzahlen zu können. Auch bei der erneuten Ankündigung des Aufschubs in 2022 schien mir dies ethischer, auch wenn ich diese Situation nicht zu verantworten hatte. Ich habe auch beschlossen, die Preise für meine Workshops und Aufführungen unverändert zu lassen, obwohl manche Fixkosten gestiegen sind. Hinzu kam der Verlust von Teilnehmerinnen aus unterschiedlichen Gründen: diejenigen, welche zu etwas Anderem übergegangen sind, die, welche sich daran gewöhnt haben, nicht mehr auszugehen, die, welche – wie wir – die Krise finanziell zu spüren bekommen haben…
All diese Unwägbarkeiten machen ein Event anfällig, belasten das Budget und machen die Organisation eines Aufschubs sehr kompliziert, ermüdend und destabilisierend.
Ich habe mich trotz all dieser Schwierigkeiten dazu entschieden, mein Bauchtanz-Event fortzuführen, weil seine Message viel wichtiger ist, als alle Schwierigkeiten, denen es begegnet ist. Ein weiterer Grund waren all die Teilnehmer (Workshop-Teilnehmerinnen, Künstlerinnen und Zuschauer), die aus ganz Frankreich angereist sind und sich auf meine Organisation verlassen haben, zwei Jahre lang in der Hoffnung, einander wiederzutreffen. Schlussendlich auch deshalb, weil die Menschen, die ich liebe, mich immer ermutigt haben, weiter daran zu glauben und neue Teilnehmerinnen sich dazu entschieden haben, 2022 zu uns zu stoßen!
So erhält mein Tanz-Festival – im Guten wie im Schlechten – eine völlig andere Dimension und ich habe beschlossen, diese Edition als eine Auferstehung, eine Rückkehr zum echten Leben und dem Ende dieser Zeit zu sehen, die wir gerade erlebt haben.
«Der Orient in all seinen Formen» vermittelt eine gewichtige Botschaft: des Sich-Öffnens Anderen gegenüber, der Begegnung von Kulturen, der Pluralität und des Zusammenlebens. In der Tat stellt sein Programm eine wahre Ode an den Reichtum des orientalischen Tanzes und seine Fähigkeit dar, sich zu entwickeln und sich mit anderen Richtungen zu vereinen (Modern'Jazz, Reggaeton, Bollywood, Tribal Fusion und urbanen Tanz), welche zelebriert wird. Sei es durch die Mittlung von Workshops oder Aufführungen: Es ist für alle Geschmäcker, Altersgruppen und Niveaus etwas dabei!
Welche anderen Aktionen werden Sie in Zukunft inszenieren, um dem Bauchtanz mehr Dynamik zu verleihen und es ihm zu gestatten, nach dieser Herausforderung durch Corona aufzustehen und zu seiner ursprünglichen Stärke zurückzufinden?
Ich habe für die nächsten Jahre 1000 Ideen im Sinn und es war im Übrigen sehr frustrierend für mich, in den letzten Monaten keine Projekte angehen zu können, da ich ein hyperaktives und kreatives Wesen besitze. Zuerst werde ich in Toulouse mit meinen Kursen, Workshops und orientalischen Tanz-Events weiter auf lokaler Ebene arbeiten. Ich werde ebenfalls ab der nächsten Saison regelmäßiger zwischen Paris und Bordeaux pendeln; beides Städte, in denen mir eine starke Community folgt, um diverse Ateliers für Bauchtanz zu bieten. Den Rest betreffend, habe ich noch viel mehr Projekte, warte aber ab, bis sich die pandemische Situation entspannt und die allgemeine Begeisterung erstarkt zurückkehrt, bevor ich was auch immer ankündige. Meine Motivation war stets, dem orientalischen Tanz zurückzugeben, was ich bekommen habe. Das möchte ich von ganzem Herzen meinem Publikum vermitteln.
Entdecken Sie Maïssane in diesem Video :

























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