Anne: der aufgehende Stern am orientalischen Tanzhimmel

Danke an Anne ELARZA, orientalische Tänzerin und Tanzlehrerin, für die Beantwortung unserer diversen und vielfältigen Fragen im Rahmen unseres Interviews.

Sie haben kürzlich einen Workshop zum Thema Oriental Jazzy angeboten. Wieso diese originelle Mischung? Worin besteht sie? Welche Art von Choreografie haben Sie eingesetzt?

Der Workshop Oriental Jazzy, den ich am 30. Januar 2022 in Nantes gegeben habe, war dem Erlernen einer Choreografie zum Lied „Etazalt El Gharam gewidmet (Übersetzung: Ich habe die Liebe aufgegeben). Das Lied wird von Majida El Roumi gesungen, einer libanesischen Tänzerin, welche ich ganz besonders schätze; nicht nur für ihre Eleganz und die Schönheit ihrer Sopranstimme, sondern auch für die Poesie ihrer Lyrics. Dieses Lied ist eine sehr gelungene Kombination aus orientalischer Musik und der synkopierten Melodie des Jazz, welche Saxofon, Klavier, Schlagzeug, Derbakeh miteinander verbindet... Mein Ziel während dieses Workshops war es, eine Gestik anzubieten, welche diese beiden musikalischen Strömungen aufsaugt. Insbesondere war es mir ein Anliegen, die Betonung auf die libanesische Stilisierung des Bauchtanzes zu legen – konträr zum als ägyptisch bezeichneten orientalischen Tanz.

Sie sind die Autorin einer Promotion, deren Thema den Bauchtanz betrifft. In welchem Zusammenhang haben Sie diese Arbeit realisiert und weshalb haben Sie diese Thematik behandelt? Und welche Schlussfolgerungen haben Sie daraus gezogen?

Im Rahmen meines Studiums, welches ich parallel zu meiner Tanz-Karriere absolvierte, habe ich mich in humaner Bewegungswissenschaft an der Universität ausbilden lassen; das heißt in Anatomie, Physiologie, Biomechanik, Entwicklung und Kontrolle der Motorik… Zunächst, um meine Praxis und meinen Bauchtanz-Unterricht zu bereichern, aber vor allem, weil mich die Analyse menschlicher Bewegung fasziniert. Die Forschung in diesem Bereich wird durch diverse aufregende Fragen belebt: Wie gelingt es uns, komplexe Bewegungsabläufe umzusetzen? Wie beherrschen wir eine Bewegung in Perfektion? Ich fand es dann einleuchtend, diese Fragen zu beantworten und sie zugleich auf den orientalischen Tanz anzuwenden, aber auch für das universitäre Labor zu nutzen, welches mein Projekt unterstützt hat.
Hier in nur wenigen Zeilen vier Jahre Arbeit und 150 Seiten einer Doktorarbeit zu resümieren, ist eine schwierige Sache… Aber um es vereinfacht auszudrücken, war das Ziel meiner Thesis, die Bewegung Hip Shimmy bei den Tänzerinnen und Novizinnen zu analysieren, indem ich Indikatoren und Theorien verwendete, welche aus der wissenschaftlichen Forschung resultieren. In naher Zukunft hoffe ich, meine Forschung einer breiten Allgemeinheit zur Verfügung stellen zu können. Ich überdenke derzeit in welcher Form, sodass das Thema zum Allgemeingut wird und jedem die konkrete Anwendung hinsichtlich seiner eigenen Tanz-Aktivität möglich ist, ohne akademische Vorkenntnisse zu besitzen.

Wie war Ihr bisheriger Werdegang im Bereich des Bauchtanzes? Wie haben Sie diese Disziplin kennen und lieben gelernt? Wie sind Sie dazu gekommen auf den glanzvollen Bühnen zu tanzen und diese Kunst zu unterrichten?

Seit meiner frühesten Kindheit habe ich durch meine familiären Wurzeln die libanesische Musik mit der Muttermilch aufgesogen: Seit ich mich zurückerinnern kann, habe ich es immer geliebt, zu tanzen und kleine Vorführungen zu erdenken, sobald sich eine Gelegenheit ergab. Ich habe meine Ausbildung mit Modern Jazz, Salsa, Hip-Hop und ein wenig klassischem Tanz begonnen… Dann habe ich an meinem ersten orientalischen Tanzkurs mit Sonia Shaäne teilgenommen. Anschließend habe ich meine Ausbildung vertieft, indem ich unterschiedliche Workshops verschiedener Dozenten absolviert und mich autodidaktisch weitergebildet habe… Was mich aber in meiner Tanzausbildung wirklich nach vorne gebracht hat, war meine Begegnung mit Taly Hanafy und die Übernahme ihres Unternehmens „Bell’Masry“. Ab diesem Zeitpunkt habe ich mich sehr schnell hinsichtlich unterschiedlicher Aspekte der Bühnenperformance sowie der Gruppenarbeit weiterentwickelt. Obwohl ich mich während vieler Jahre hauptsächlich in der ägyptischen Richtung des Bauchtanzes habe ausbilden lassen, schöpfe ich heute vornehmlich aus meiner Inspiration durch die libanesischen Tänzerinnen der Achtziger- und Neunzigerjahre, wie Amani, Nariman Abboud oder Howeida El Hachem.
Ich habe 2015 begonnen, Tanz zu unterrichten, indem ich regelmäßig Kurse im Pariser Großraum gab ; für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Profis. Ich habe ebenfalls thematische Workshops in Paris, Lille, Straßburg, Birmingham (Großbritannien) und – etwas aktueller – in Nantes angeboten, wo ich mich vor Kurzem niedergelassen habe. Ich hatte mehrere Gelegenheiten bei Vorführungen verschiedener Festivals, in Frankreich, aber auch im Ausland, zu tanzen: in Santorini (Griechenland), in Italien, in Spanien, in Portugal, in Polen...
Ich habe recht schnell Lust bekommen, künstlerische Projekte zu konzipieren und umzusetzen. Was ich am meisten schätze, sind die choreografische Kreation und die Inszenierung. Während ich eine Aufführung entwickle, bevorzuge ich eher einen originellen Handlungsrahmen, als mich am klassischen Schema einer Folge einzelner Choreografien entlangzuhangeln. Ich habe in 2014 die Organisation Nassama mitbegründet, welche es mir gestattete, dahingehend mehrere Veranstaltungen zu entwickeln, bei denen ich orientalischen Tanz und Fusionen kombiniert habe; beispielsweise „Camélia oder die Geburt einer Frau“ oder „Die 1001 Farben von Paris“. In 2019 habe ich mit Lauriane Mj einen Wochenend-Intensivkurs organisiert, mit offener Vorführung und Bühne zu Ehren des russischen Tänzers Vaagn Tadevosyan in Paris. Für diese Show namens „Das Herz des Prinzen“, haben wir wahrhaftig ein getanztes Märchen inszeniert, bei dem alle eingeladenen Künstler (Vaagn Tadevosyan, Maïssane Narjis, Narjisse, Bell’Masry, Kazafy Truppe Frankreich) ein brillantes Bühnenspiel abgeliefert haben. Dieses Event hat einen riesigen Erfolg erlebt und Tänzerinnen aus allen Ecken der Welt angezogen.

Der Bauchtanz ist – ebenso wie alle anderen Bühnenkünste – stark von der Pandemie betroffen. Wenn Sie sich einen idyllischen Ausgang für diese Krise ausdenken könnten, welcher optimale Voraussetzungen für die Zukunft des orientalischen Tanzes implizieren würde, welcher wäre das?

Was ich von ganzem Herzen hoffe, um der Pandemie bald zu entgehen, ist eine zeitnahe Wiederaufnahme von Bauchtanz-Shows, begleitet von einer Zunahme der Popularität bei einer breiten Allgemeinheit. Die mit Bühnenerfahrung verbundenen Empfindungen fehlen mir: Ein unbeschreibliches Band, sehr positiv und mit guter Energie geladen, entsteht zwischen der Künstlerin und dem Publikum. Ebenso mag ich es, als Zuschauerin im Publikum zu sehen, wie sehr die Künstlerinnen sich durch den Bauchtanz selbst beflügeln. Es ist eine wahre Freude, eine online entdeckte Künstlerin mit eigenen Augen sehen zu können.
Mit Passionierten aus der ganzen Welt reisen und tanzen zu können, ist ein zentrales Element des zeitgenössischen Bauchtanzes. Die Pandemie hat uns leider gezwungen, sehr plötzlich auf diese internationale Dimension zu verzichten. Ich denke trotzdem, dass man diese Krise als eine Gelegenheit betrachten sollte, wieder aufzustehen und neue Event-Konzepte zu entwickeln, sofern sie sich fortsetzt: Vielleicht sollten wir Veranstaltungen auf einer lokaleren Ebene zu konzipieren, indem wir uns vorwiegend auf französische Künstlerinnen fokussieren? Möglicherweise ist es die Gelegenheit, sich noch mehr dem Einfluss des orientalischen Tanzes in Frankreich zu verschreiben, um kulturelle Events auf einer landesweiten Ebene zu leben? Es bleiben Fragen offen.

Vom Bauchtanz einmal abgesehen: Welche anderen darstellenden Künste schätzen Sie und weshalb?

Es bereitet mir großes Vergnügen, mir alle Arten von Tanzshows anzusehen; das inspiriert mich sehr. Zwei Disziplinen fesseln mich ganz besonders, da sie zugleich wichtige physische Fertigkeiten erfordern und dennoch sehr luftig wirken. Erst einmal Poledance; beispielsweise bewundere ich Marion Crampe, die sehr kreative, fließende und bewegende Kompositionen anbietet. Dann der Eiskunstlauf; die Duo-Performances von Gabriella Papadakis und Guillaume Cizeron ziehen mich total in ihren Bann. Sie scheinen grazil und in perfekter Symbiose über dem Eis zu schweben.
Außerdem ergreife ich jede Gelegenheit, mir Aufführungen lokaler folkloristischer Tänze anzusehen, wenn ich im Ausland unterwegs bin. Ich habe beispielsweise kürzlich während eines Aufenthalts auf Zypern einer Vorführung zypriotischer Tänze beigewohnt. Ich liebe die Entdeckung und wie wir Tänze an unterschiedlichen Orten in der Welt zelebrieren. Man lernt viel über die Bräuche der Völker.

Welches ist Ihr liebstes Accessoire für Bauchtanz und warum?

Wenn ich ehrlich bin, bevorzuge ich es, ohne Störfaktor zu tanzen, also auch ohne Accessoire, um meinem Körper alle Ausdrucksmöglichkeiten zu lassen. Trotzdem mag ich die Sanftheit der Formen sehr, welche ein Seidenschleier natürlicherweise annimmt, während er meine Bewegungen begleitet; Musselin bietet alternativ mehr Retro-Charme. Auch habe ich ein Faible für den Gehstock – sei es, um einen Saïdi, einen Baladi, eine Jazzy Fusion oder sogar einen Dabké zu tanzen.
Einen Artikel aus Ihrem Shop, welchen ich besonders gut finde, wäre der orientalische Tanzgürtel mit Fransen: Bei libanesischen Tänzerinnen total im Trend, unterstreicht er perfekt die Hüftakzente. Perfekt für ein teuflisch gutes Drum-Solo!

Entdecken Sie Anne ELARZA in diesem Video:

Veröffentlicht in: Orientalische Tänzerinnen

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