Der orientalische Tanz – seine Errungenschaften und Ableger (Ägyptisches Yoga, Gnawa-Tanz, Fusion "zeitgenössischer Bauchtanz")

Danke an Alexia BERNARD, Bauchtänzerin und Lehrerin für orientalischen Tanz, für die Informationen über diese neu aufkommenden, noch seltenen Trends wie das ägyptische Yoga, den Gnawa-Tanz und die Fusion aus orientalischem sowie zeitgenössischem Tanz, auch "Contemp’Oriental" genannt. In diesem Interview stellt sie uns zudem eine außerordentlich präzise und abgeschlossene Auflistung aller Vorzüge zusammen, die der Bauchtanz beinhaltet. Wir lieben das!

Yoga kommt ursprünglich aus Indien. Auf welchem Konzept, auf welcher Basis beruht das ägyptische Yoga?

Yoga entstand 2000 bis 3000 Jahre vor unserer Ära in Ägypten. Das ägyptische Yoga wurde anschließend 1960 neu von Babacar KHANE entdeckt. Es handelt sich um eine Kunst der Vertikalität, welche die Verbindung zwischen Himmel und Erde darstellt. Gemäß der ägyptischen Kosmologie bestand eine der ersten Episoden der universellen Schöpfung in der Trennung von Himmel und Erde. Das Ziel des ägyptischen Yogas ist es, diese Trennung zu überwinden, um zum Quell des heiligen Lichts zurückzukehren.
Die ägyptischen Haltungen gründen sich auf dem Zusammenhang zwischen der Wirbelsäule und der Energiezirkulation.
Die Haltungen des ägyptischen Yogas wurden zu dieser Zeit innerhalb eines religiösen Kontexts praktiziert: anlässlich Opferungen an die Götter, bei Zeremonien und Gebeten. Auch sind einige Haltungen nach Göttern und Göttinnen, um diese anzubeten.

Welche Art von Haltung beinhaltet ägyptisches Yoga und was sind die Vorzüge?

Die Haltungen des ägyptischen Yogas setzen nicht zwangsläufig Gelenkigkeit voraus. Sie können im Stehen, im Sitzen oder Liegen durchgeführt werden – immer mit dem Ziel, an der Aufrichtung des Körpers zu arbeiten.
Einige Haltungen wirken wahrhaft schulend auf die Rückengesundheit. Der "ägyptische Ka" ermöglicht ein vertieftes Training der Wirbelsäulenmuskulatur.
Die Auswirkungen des ägyptischen Yogas auf die Wirbelsäule beziehen sich auf die Funktion verschiedener Organe. Als Mittler fungieren die energetischen und nervlich Verbindungen. 

Was bringt es, bei einem Workshop ägyptisches Yoga mit Bauchtanz zu kombinieren, wie Sie es zuletzt getan haben?

Diese beiden Praktiken wirken sich zugleich auf den Körper und den Geist aus.
Im ersten Teil des Workshops, konnten die Teilnehmerinnen Haltungen ausprobieren und erfahren, die im Alten Ägypten Himmel und Erde verbinden sollten. Gleichzeitig sollten die Haltungen sie befähigen, durch die ihnen gewidmet Positionen ägyptische Götter und Göttinnen zu entdecken.
Man muss auch wissen, dass das ägyptische Yoga die Möglichkeit bietet, den Körper aus das Tanzen vorzubereiten, indem die Rückenmuskulatur aufgewärmt wird, der Stand gefestigt wird, indem das Becken und der Schultergürtel sich öffnen.
Der getanzte Teil ist Gegenstand des zweiten Teils. Bauchtanz, wie ich ihn praktiziere, stellt die Bewegung in ein Verhältnis zu Zeit und Raum, während man Körperbewusstsein entwickelt. Die Teilnehmerinnen verbinden sich nicht nur mit der Energie der Gruppe, sondern auch ihrer eigenen, inneren.
Diese beiden Praktiken sind daher wirklich komplementär und gestatten eine doppelte Perspektive auf die Kultur des Alten Ägyptens.

Sie haben auch schon einen Workshop für Gnawa-Tanz angeboten. Worum handelt es sich dabei?

Der Gnawa-Tanz ist ein Tanz, welcher mit der Gnawa-Kultur in Verbindung gebracht wird. Diese ist Ergebnis einer Mischung aus Praktiken und spirituellen, afrikanischen Glaubensrichtungen, aus nordafrikanischen Ländern und Regionen südlich der Sahara. Die Gnawa entstammen einer Gemeinschaft aus Nachfahren afrikanischer Sklaven, die vor mehreren Jahrhunderten nach Marokko gebracht wurden.
Der Gnawa-Tanz wird zur gleichnamigen Musik praktiziert. Die Bewegungen sind abgehackt, mit Wiegen des Körpers, Bewegungen des Kopfes, Sprüngen… das Ganze im Rhythmus der Trommeln, der Karkabous (Castagnetten aus Metall) und dirigiert vom Mualem (oder dem Zeremonienmeister) mit seinem Gembri (Percussion-Gitarre mit 3 Saiten).
Die Gesänge beinhalten mystische Beschwörungsformeln. Der Mualem singt und ruft die Geister an. Die Zeremonie kann die ganze Nacht andauern.
Die Gnawa-Tänzer treten in einen Trancezustand ein. Sie verbinden sich mit der unsichtbaren Welt und versuchen, manche körperliche und seelische Leiden zu heilen.
Wenn ich diese Praktik in einem Workshop anbiete, geht es nicht darum, in Trance zu verfallen, sondern die Macht außerkörperlicher Bewegungen zu erfahren, um ein psychisches Ventil zu finden.

Sie haben unter anderem einen Workshop für Contemp’Oriental gegeben. Erzählen Sie uns davon.

Mein künstlerisches Universum inspiriert und nährt sich von den traditionellen arabischen und Amazigh Tänzen Nordafrikas. Von traditionellen Bewegungen ausgehend, habe ich versucht, eine puristische, organische, lebendige, aus dem Bauch sowie aus der Atmung kommende Geste zu kreieren. Der Atem als Startpunkt, die bewusste Verbindung zur Erde für Impulse, die Bodenhaftung zur Stärkung des Gesäßes und um das Becken zu stärken, sowie Vertikalität, um durch tanzende Bewegungen die Energie durch den gesamten Körper zirkulieren zu lassen.
Mein Tanz lässt sich auf jede Musik praktizieren, traditionell arabischen oder berberisch, klassisch westlich oder orientalisch, Modern oder Jazz, aber auch in der Stille oder der freien Natur, getragen von den Elementen.
Der Gedanke ist, dass die Tänzerin nicht nur eine einfache Interpretin mit eben solchen Choreografien ist. Sie ist ein ganzheitlicher Bestandteil des Orchesters; Sie tanzt nicht auf die Musik, sondern mit der Musik. Sie hat ihre eigene Partitur zu spielen, fügt Nuancen und Töne hinzu, die sie ausmachen – und dies in Abhängigkeit ihres emotionalen Zustands und des Kontexts der Performance. Improvisation ist das Herz meiner Praktik.

Berücksichtigt man den von Ihnen angebotenen Unterricht, scheinen Sie wahrhaftig davon überzeugt zu sein, dass der orientalische Tanz ein wertvolles Werkzeug für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit ist. Warum und wie?

Der Bauchtanz besitzt in mehrfacher Hinsicht zahlreiche Vorteile.
Aus physischer und physiologischer Sicht bringt er den Körper in Bewegung, verbessert die allgemeine Gelenkigkeit, stärkt die Gelenke, löst Verspannungen, fördert die Durchblutung, den Lymph- sowie Energiefluss. Er öffnet das Becken (übrigens ist er eine wunderbare Methode zur Geburtsvorbereitung), strafft den Beckenboden, unterstützt die Verdauung und hat zudem Auswirkungen auf die Periode. Er lindert Wasseransammlungen im Unterleib, richtet den Rücken auf, öffnet die Schultern, befreit den Brustraum und verbessert die Atmung.
Auf psychologischer Ebene gestattet er es, einen Zustand tiefen Bewusstseins zu erreichen, sich Anderen gegenüber zu öffnen, seinen Platz in der Gruppe und somit in unserer Welt zu beanspruchen, Selbstvertrauen und die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung zu gewinnen, sich frei von Leistungsdruck zu machen, seine Kreativität zu entfalten, eine neue Beziehung zum eigenen Körper aufzubauen, lernen, ihn zu lieben und zu pflegen, aber auch den Geschichten lauschen, die er erzählt. Er gestattet es, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, sich zu erlauben, ihnen Ausdruck zu verleihen und sich davon freizumachen, anderen gefallen zu wollen. Es geht darum, im Hier und Jetzt zu leben, einfach zu tanzen und Freude daran zu haben.
Aus energetischer Sicht befreit und aktiviert er Lebensenergie, indem diese den gesamten Körper durchfließt und diesem erlaubt, sich aus kosmischen und tellurischen Energien zu speisen, eine Brücke zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren zu schlagen, persönliche, kollektive und transgenerationelle Erinnerungen freizugeben.

Wie war Ihr Werdegang als Tänzerin und insbesondere als Bauchtänzerin?

Nach einer Klavierausbildung am Konservatorium von Bordeaux, habe ich mich Musik aus aller Welt zugewandt – bis ich eines Tages an der Universität im Jahr 2006 an einem Workshop für traditionelles nordafrikanische Tänze teilgenommen habe, der von Leila Mameri angeboten wurde. Das war eine echte Offenbarung! Ich lernte also Tänze kennen, die meine Seele berührten, mich mit dem großen Ganzen und den Frauen dieser Welt verbanden.
Ich habe mich anschließend von ihr ausbilden lassen, indem ich Unterricht in klassischen Tänzen, zeitgenössischem Tanz, afro-brasilianischem Tanz, Butô (Tanz japanischen Ursprungs) und im «Barre à Terre» genommen habe. Auch habe Ausbildungen für « Den anderen Tanz » mit Saida Nait-Bouda und Saadiya Souyah absolviert. Sehr schnell bin ich auf die Bühne gegangen, um eine andere Perspektive auf orientalische Tänze zu bieten.
Dann habe ich in verschiedenen Verbänden unterrichtet und meinen eigenen Verein gegründet, die Compagnie Anoura, die als Plattform für Begegnungen rund um arabisch-berberische Künste dient.
Heute gebe ich keine regelmäßigen Kurse mehr. Stattdessen biete ich 3 bis 4 Workshops pro Jahr rund um Bordeaux an und nehme sehr regelmäßig an zahlreichen künstlerischen Projekten teil, die mehrere Disziplinen mischen: Performance Tanz-Kalligrafie mit dem Bildhauer Yassine Kasmi, Tanz-Grafik mit Marie Yakite (Verein Le Rafu), Tanzen für schwangere Frauen, mit den Vätern, mit Zigeuner-Gemeinschaften, Veranstaltungen in Schulen, Mediatheken, im Museum der Aquitaine, bei lokalen Kunstfestivals, Ausstellungen, Vernissagen...
Ich bin keine orientalische Tänzerin, die an großen internationalen Shows teilnimmt. Ich bin nur eine Frau, die sich durch die Grundfesten des Bauchtanzes ausdrückt.

Anbei eine gelungene Demonstration zeitgenössischer Fusion:

Entdecken Sie den Gnawa-Tanz in diesem Video:

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