Orientalischer Tanz im Libanon

Vielen Dank an Yara, eine Bauchtanz-Lehrerin im Libanon, die unser Interview mit Enthusiasmus, Aufrichtigkeit und viel Insider-Wissen beantwortet hat.

Was ist dein Hintergrund als orientalische Tänzerin und Lehrerin?

Ich habe schon immer getanzt und bei den Jahresabschluss-Galas habe ich backstage die großen und eleganten Bauchtänzerinnen gesehen. Ich war von ihrer fast schon majestätischen Schönheit in ihren Kostümen beeindruckt. Mit 14, also mitten in der Pubertät, machte es bei mir KLICK und im darauffolgenden Schuljahr habe ich mich für die Kurse mit Vélina eingetragen, einer Lehrerin für den orientalischen Tanz in der Region rund um Paris.
Schon in jungen Jahren war ich völlig in orientalische Musik und Instrumente vertieft und entdeckte dann die technische Seite des Bauchtanzes. Ich erinnere mich, dass die Anfänge schwierig waren, da ich mich erst von den Vorurteilen gegenüber dieser Disziplin und ihren unbewusst erworbenen schlechten Angewohnheiten lösen musste. Es ging darum, Altes zu zerstören, um Neues wieder aufzubauen. Vélinas Strenge und Eleganz waren eine wahre Inspirationsquelle. Also blieb ich dabei und schon das nächste Jahr war ein Augenöffner. Ich arbeitete fleißig an all meinen Choreographien zu Hause, probte sie dutzende Male und gewann so Selbstvertrauen und fühlte mich vor allem sehr wohl, als ich in den nächsten Kurs kam.
Es dauerte nur weitere 3 Jahre um zu sagen: „Okay! Ich möchte diesen Karriereweg später einschlagen und eine professionelle orientalische Tänzerin werden.“ Diese Kunst war wirklich meine Leidenschaft und ein Grund zu leben geworden.
Nach 8 Jahren des Lernens und ein paar Meisterkursen, die ich in Frankreich und im Ausland absolviert hatte, habe ich mich dazu entschieden, meine ersten Bauchtanz-Kurse und meine eigenen Choreographien entsprechend meiner Inspirationen anzubieten.
Durch Mundpropaganda und die sozialen Netzwerke hatte ich schließlich die Möglichkeit, mehr Kurse anzubieten und mit neuen Tanzschulen in Kontakt zu treten.
Zur gleichen Zeit trat ich auf vielen Veranstaltungen in Frankreich auf, hauptsächlich kultureller Natur, die eine Verbindung zum Libanon oder zur Kunst im Allgemeinen hatten. Dort traf ich eine wahre Bandbreite an Künstlern und Persönlichkeiten, die mir vertrauten und mir beim Wachsen zusahen.
Zudem wurde ich auf einige orientalische Tanz-Festivals in Europa eingeladen, auf denen ich die Möglichkeit hatte, aufzutreten, gleichzeitig aber auch an Workshops teilzunehmen, die von führenden Figuren der Branche geleitet wurden.
Ich hatte diese Bauchtanz-Lehrerinnen immer bewundert, die die Welt bereisten, um ihre Techniken zu unterrichten.
Im Jahr 2022 verließ ich schließlich Frankreich und ließ mich im Libanon nieder; das war schon immer mein Traum, auch wenn die politische und wirtschaftliche Situation dort nicht stabil ist.
Dort angekommen, musste ich nochmal ganz von vorne anfangen, mit einer praktisch leeren Kontaktliste und einer völlig anderen Herangehensweise an den orientalischen Tanz. Eine neue Herausforderung…

Was ist heute deine Vision vom Bauchtanz im Libanon?

Die Antwort auf diese Frage ist ein wenig voreingenommen und ich denke manchmal, dass es mir an Objektivität fehlt, aber hier ist sie: Ich bin mit meinem Tanz in Frankreich aufgewachsen, in einer Umgebung, in der wir immer wieder nach Möglichkeiten suchen, uns weiterzuentwickeln und unsere Neugier zu befriedigen. Ich mag die Technik des orientalischen Tanzes und ich liebe seine Geschichte.
Als ich 2022 in den Libanon gezogen bin, also gerade frisch nach Ende der „Thawra“, der Revolution von 2019, der Wirtschaftskrise, COVID-19 und der Explosion des Hafens von Beirut am 4. August 2020, hatte sich das Land kaum von diesen Ereignissen erholt und Tanzklassen kamen gerade erst wieder ins Leben zurück. Ich kam also zufällig zu einer Zeit an, in der das normale Leben wieder zurückzukehren schien.
Mädchen wollten Dampf ablassen und ausbrechen. Hier sind die Schülerinnen mehr daran interessiert, den Tanz als körperliche Aktivität zu lernen und die Bewegungen zu aktuellen libanesischen Hits am Abend nachzutanzen und nicht um am Ende des Jahres an einer Gala teilzunehmen oder erweitertes technisches oder historisches Wissen zu erlangen.
Deshalb musste ich meinen Unterricht anpassen, während ich gleichzeitig einigen Prinzipien treu bleiben wollte, um die Erwartungen meiner Schülerinnen in diesem Land auch zu erfüllen.
Hier wird Dabke als traditioneller Folkoretanz bei allen Feierlichkeiten getanzt.
Und wie in jedem arabischen Land finden wir auch im Libanon das Paradoxon, eine orientalische Tanzshow zu genießen, solange man mit der Tänzerin nicht verwandt ist oder in Verbindung gebracht wird.
Mit diesen Erläuterungen glaube ich, dass meine Community in den sozialen Netzwerken besser verstehen kann, warum ich nicht mehr bei kulturellen Events oder Festivals auftrete, seit ich in den Libanon gezogen bin.
Meiner Meinung nach ist die libanesische Gesellschaft noch nicht bereit, ihre Sichtweise auf diese Kunst zu ändern. Und sieht sie den Bauchtanz überhaupt als Kunst? Das ist der Grund, warum ich Tänzerinnen, die weiterhin in der Öffentlichkeit auftreten, weil ihnen gesellschaftliche Konventionen egal sind, so tief bewundere. Ich persönlich habe lange und tief darüber nachgedacht und mich zum Wohle meiner Familie dagegen entschieden.

Was sind die Unterschiede zwischen den libanesischen Schülerinnen und den Arbeitgebern im Vergleich zu denen in Frankreich?

Als ein Ergebnis meiner vorherigen Antwort, werde ich ausschließlich vom „Lehren des orientalischen Tanzes“ sprechen und nicht vom „öffentlichen Auftritt“ und den verschiedenen Vertragsarten, die daraus entstehen können.
Eine Tanzschule im Libanon zu leiten, ist ähnlich wie in Frankreich, mit der Ausnahme, dass Aufnahmen von Schülerinnen systematisch mit monatlichen und nicht mit jährlichen Anmeldungen erfolgen, so wie es meist in Frankreich der Fall ist. Es ist ein gut etabliertes System, das für alle funktioniert. Der Nachteil dabei ist, dass sie nicht für längere Zeiträume im Programm bleiben. Dadurch gibt es manchmal einen starken „Umschwung“ und wir bleiben das ganze Jahr über bei den Grundbegriffen und „allen Erfahrungsstufen“.

Was ist dein liebstes Bauchtanz-Accessoire und warum?

Der Schleier! Er passt im weitesten Sinne zu meiner weichen, ruhigen, anmutigen und sinnlichen Persönlichkeit. Dieses Accessoire ist hier viel weniger bekannt als der traditionellere und typische orientalische Tanzstab. Demnächst möchte ich meinen Schülerinnen auch die Fingerzimbeln und Isis-Flügel näher bringen, die mir auch sehr gut gefallen.

Welche Arten von Outfits trägst du gerne während deines Bauchtanz-Trainings und warum?

Ich entscheide mich dafür, Slipper zu tragen, da sie praktisch sind und auf den hölzernen Böden nicht rutschen, außerdem bewahren sie mich davor, meine Füße nach jedem Kurs waschen zu müssen.
Leggings, die eng am Bein anliegen oder Shorts im Sommer, sodass ich die richtige Fußposition und die Arbeit der Beine/Knie mit jeder Bewegung zeigen kann. Auch hier schaue ich also wieder einmal nach etwas Praktischem. Die Gamaschen und Miniröcke sind ein persönlicher Touch und spiegeln meine „Laune“ des Tages wieder.

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