Justine, die Offenbarung des orientalischen Tanzes

Danke an Justine, Bauchtänzerin und Lehrerin für orientalischen Tanz, für ihre aufrichtigen und authentischen Antworten auf die Fragen unseres Interviews.

Wie ist Ihre Leidenschaft für orientalischen Tanz entstanden und welchen Unterricht haben Sie besucht?

Meine Begegnung mit dem Bauchtanz war eine reine Blüte des Zufalls! Tatsächlich deutete in meinen ersten Lebensjahren nichts darauf hin, dass diese Disziplin einmal eine Rolle in meinem Leben spielen würde und ich sogar meinen Beruf daraus machen würde. Als Kind nahm ich Unterricht im Modern’Jazz-Tanz und Tänzen aus aller Welt. Im Gymnasium nahm ich eines Tages an meinem ersten Kurs in orientalischem Tanz teil, weil es angesagt war. In diesem Jahr war der Kurs ausgebucht!
Dann setzte ich meine Ausbildung fort und stetig wuchs die Leidenschaft; vor allem während der Workshops, bei denen ich die immense Bandbreite von Bauchtänzen kennenlernte – von der Musik und der dazugehörigen Kultur einmal ganz zu schweigen. Es war ein wahrhaft ganzheitliches Universum!
Ich bin anschließend im Jahr 2010 Yaël Zarca begegnet, die für mehrere Jahre meine Bauchtanzlehrerin wurde. Ich verdanke ihr vieles. Ich habe zudem regelmäßig die Kurse von Semsemah besucht. Zu dieser Zeit versüßte ich mir die Bauchtanz-Workshops nahezu jedes Wochenende mit Lehrerinnen aus Paris, dann noch großzügiger aus ganz Frankreich. Dann begann ich, für orientalische Tanzfestivals mit ägyptischen und internationalen Meistern herumzureisen.
Ich habe an einigen orientalischen Tanz-Wettbewerben teilgenommen (es gab damals sehr wenige davon) und freute mich über Platzierungen unter den Top 3. Zu diesem Zeitpunkt vermutete ich keine Sekunde lang, dass ich eines Tages professionelle Bauchtänzerin werden würde. Das war absolut nicht der ursprüngliche Plan!
Dennoch unterrichte ich heute in Gruppenkursen und trete vor allem an 4 bis 5 Abenden pro Woche in Shows auf. Und das 15 Jahre, nachdem ich zum ersten Mal einen Kurs besucht habe!
Ich habe meine Tätigkeit als Bauchtanzlehrerin begonnen, indem ich zunächst einen Bauchtanzkurs für Kinder angeboten habe. Parallel dazu habe ich Ausbildungen in den Bereichen Sport und Tanzdidaktik absolviert. Erst nach alledem habe ich meine Bemühungen mehr in das Unterrichten gesteckt. Heute gehe ich voll in der Entwicklung meiner Karriere auf.

Warum eher orientalischer Tanz als jeder andere Tanz sowie sportliche und künstlerische Disziplinen?

Ich habe verschiedene Arten von Tanz praktiziert, aber assoziieren das in Gedanken noch immer mit regelmäßigen Abfolgen; einem Schema A – B – C – D – E. Es gibt aus meiner Sicht nur den Bauchtanz, der den Körper zu einem Instrument des Orchesters macht und der die Subtilität der Musik so gut unterstreichen kann.
Ich hege eine Schwäche für andere Tänze, die auch eine Seele besitzen und von Leidenschaft gekennzeichnet sind; etwa den Flamenco. Aber für mich gibt es nichts, das dem orientalischen Tanz das Wasser reichen kann! Die Vielfalt der Stilrichtungen und Möglichkeiten trägt auch zu dieser überbordenden Leidenschaft bei. Wenn man sich mit dieser Verzahnung befasst, hört man niemals auf, dazuzulernen. Es ist wirklich unmöglich, sich zu langweilen oder sich zu sagen, dass man schon alles gesehen hat.
Ich habe durch den Tanz derart viele unglaubliche Dinge erlebt und bin vielen Menschen begegnet. Das hat buchstäblich mein Leben verändert, und verändert es nach wie vor! Ich weiß, dass ich nicht auf dem Holzweg bin.

Sie gehören zu einer neuen Generation von Bauchtänzerinnen und Lehrerinnen. Was sind Ihre großen Ambitionen in der Sache und die Bereiche, die es weiterzuentwickeln gilt, um die Kunst des Bauchtanzes in ihrer Ganzheitlichkeit zu fördern?

«Es sieht einfach aus, ist aber schwierig!». Das ist wirklich der Satz, den ich am liebsten höre, wenn ich einen Kurs halte oder eine Einführung in den orientalischen Tanz gebe. Natürlich ist es kompliziert!
Im Unterricht versuche ich, die Botschaft zu vermitteln, dass der Tanz eine anspruchsvolle Kunst ist. Ich lege die Betonung auf Technik und Regelmäßigkeit – natürlich berücksichtige ich dabei den Stand und die Fähigkeiten jeder Einzelnen. Und glücklicherweise habe ich Schülerinnen, die Motivation daraus ziehen! Neben den zu verinnerlichenden Choreografien tritt die Silvestergala für mich wirklich in den Hintergrund. Indirekt bedeutet das auch, allen zu sagen, dass es nicht genügt, ein hübsches Mädchen in ein schönes Bauchtanz-Outfit zu stecken, um eine Tänzerin aus ihm zu machen!
Noch ein Klischee, das sich hartnäckig hält. Und unglücklicherweise wird dieses durch Leute befeuert, die sich von heute auf morgen zur Tänzerin oder Lehrerin ernennen. In der Show-Welt etwa ist das wirklich offensichtlich. Es verhilft zahlreichen Darbietungen zum Erfolg. Glücklicherweise gibt es aber auch ein Publikum, das orientalischen Tanz als Kunst zu schätzen weiß und sich dafür einsetzt, ihn gebührend wertzuschätzen.

Was sind Ihre Einschätzungskriterien, um das Talent einer Bauchtänzerin zu beurteilen?

Es gibt hunderte guter orientalischer Tänzerinnen! Die 3 wichtigsten Voraussetzungen sind für mich: Technik + musikalisches Gehör + Übermitteln einer Emotion.
Zuallererst ist die Technik die Grundlage. Dann verstehe ich unter musikalischem Gehör, die Weise, wie die Tänzerin sich dazu entscheidet, die Musik zu unterstreichen – manchmal mit Originalität – und wie sie sich entscheidet, so manche Subtilität hervorzuheben.
Schlussendlich heißt es, etwas zu vermitteln, während des Tanzens eher anderen zugewandt zu sein, als sich selbst oder einer Kamera. Emotionen sind nicht nur Tränen, sondern weitaus mehr! Es geht darum, ein Publikum zu fesseln, es zum Lachen oder zum Lächeln zu bringen, ihm Lust zum Tanzen oder sogar zum Singen zu bereiten, sein Glück zu teilen und in Nostalgie einzutauchen…

Welche mit dem Bauchtanz verbundenen Werte und Überzeugungen, von denen Sie keineswegs abweichen würden, teilen Sie?

Ich würde mir wünschen, dass wir – im Bereich des Möglichen – mit dem ursprünglichen orientalischen Tanz verbunden bleiben, indem wir seine Kultur ebenso respektieren, wie das Bild der Tänzerin.
Und bei dieser Frage richten wir alle unser Augenmerk auf das, was in Ägypten passiert. Früher sah man Tänzerinnen, die komplette Shows darboten, mit riesigen Orchestern. Natürlich gibt es das immer noch, aber in der letzten Zeit bedient sich das Image von Bauchtänzerinnen, die aus diesem Land stammen, zunehmend eines Entertainments ohne Bühnenbild oder Musiker… Ich finde das etwas besorgniserregend.
Es gibt viele Faktoren, gegen die man nichts ausrichten kann: weltweite Krisen, schmelzende Budgets, eine Kultur des Visuellen und eine sehr schnelllebige Welt.
Ich hoffe nur, dass es immer Räume geben wird, in denen der orientalische Tanz und die Tänzerin wertgeschätzt werden sowie sich ausdrücken können. 
In Frankreich sind Bauchtänzerinnen übrigens oftmals eine «Attraktion» während einer Soiree. Damit muss man sich auseinandersetzen, da es in den meisten Fällen dem Kundenwunsch entspricht, obwohl es auch manchmal Gelegenheiten gibt, eine schöne Show abzuliefern!  

Welche Spielarten des orientalischen Tanzes bringen Sie zum Schwärmen?

Mich faszinieren Bauchtänzerinnen, die eine starke Weiblichkeit verbreiten und eine echte Kraft verbreiten; etwa Fifi Abdou, Randa Kamel, Jade el Jabel und Sahar Samara. Wie könnte man ihnen nicht ähneln wollen?

Welchen ästhetischen Details in Verbindung mit Ihrem Erscheinungsbild schenken Sie besondere Beachtung, wenn Sie für eine Bauchtanz-Darbietung auf die Bühne gehen?

Wenn ich mir meine vor einigen Jahren gedrehten Videos anschaue, realisiere ich, wie wichtig Make-up und die Frisur sind! Damit steht und fällt alles! Glücklicherweise habe ich mich verbessert. Wenn ich heute irgendwo eintreffe, muss ich nicht mehr erklären: «Guten Tag, ich bin die Bauchtänzerin». Sie erkennen es schon von weitem. Es lohnt sich wirklich zu üben, sich selbst zu verschönern oder einen Dienstleister dafür zu engagieren. Ich würde beispielsweise niemals mehr eine Fotosession ohne professionelles Styling machen.
Was Schmuck angeht, bin ich eher minimalistisch. Indes macht ein geschmackvoll ausgewähltes und hochwertiges Bauchtanzkostüm den entscheidenden Unterschied. Da ich wöchentlich an denselben Orten in Erscheinung trete, brauche ich viele orientalische Tanz-Outfits. Und ich muss sie häufig ersetzen. Ich besitze derzeit sicherlich mehr als zwanzig davon im Kleiderschrank. Von der Reinigung, über die Instandsetzung, bis zum Transport bedeutet das viel Organisation sowie einen langen Atem!

Entdecken Sie die prächtige Justine in diesem Bauchtanz-Video:

Veröffentlicht in: Orientalische Tänzerinnen

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